Die Achterbahn
Wie ich verstanden habe, warum sich mein toxischer Ex sicher angefühlt hat — und meine neue, gesunde Beziehung nicht.
“Warum fühle ich mich in meiner neuen Beziehung so unsicher, obwohl mein Freund mir nichts als Sicherheit gibt? Und warum fühlt sich mein toxischer Ex für mich nach Sicherheit an, obwohl er mich so schlecht behandelt hat?”
Ich sitze im Büro meiner Therapeutin und klammere mich verzweifelt an die Tasse Tee, die sie mir angeboten hat.
Die Trennung von meinem narzisstischen Exmann ist Monate her.
Bei ihm konnte ich mir acht Jahre lang nicht sicher sein, ob heute ein guter oder ein schlechter Tag werden würde, ob er liebevoll oder kalt sein würde, ob ich etwas falsch gemacht hatte oder nicht.
Obwohl ich mein Verhalten immer wieder angepasst hatte, damit er möglichst zufrieden war, war ich bei ihm weder körperlich noch emotional sicher.
Seit ein paar Wochen bin ich in einer neuen Beziehung mit einem Mann, der gut zu mir ist.
Er ist verlässlich und beständig. Bei ihm kann ich einfach ich selbst sein. Er liebt mich und zeigt es mir, ohne Bedingungen. Dieser Mann gibt mir mehr Sicherheit als jeder andere zuvor.
Und trotzdem spüre ich es nicht. Dieses Sicherheitsgefühl kommt einfach nicht bei mir an. Schlimmer noch: Es überkommt mich immer wieder eine absurde Sehnsucht nach meinem Exmann.
“Ich will nach Hause.” sage ich. Obwohl es dieses Zuhause nicht mehr gibt und es nie sicher war.
Mein Kopf weiß, dass das Bullshit ist. Dass ich das nicht wirklich will und ich meinen neuen Partner liebe. Aber diese kaputte Sehnsucht lässt sich nicht wegdenken. Sie ist ein körperlicher Schmerz, der sich immer wieder aufdrängt. Ob ich will oder nicht.
“Was zur Hölle ist los mit mir? Bin ich verrückt?” Ich greife nach der Box mit Taschentüchern und schnäuze mir lautstark die Nase.
Meine Therapeutin nickt verständnisvoll.
“Keine Sorge. Ich kann dir das erklären.”
Dann lehnt sie sich vor.
“Stell dir zwei Achterbahnen vor.”
Die erste Achterbahn, sagt sie, kenne ich.
Acht Jahre lang bin ich sie jeden Tag gefahren. Sie war steil. Holprig. Mit so ruckartigen Kurven, dass ich dachte, ich fliege jeden Moment aus dem Wagen. Schnell hoch. Schnell runter. Die Gleise waren kaputt und an manchen Stellen fast durchgebrochen. Die Fahrt extrem gefährlich. Aber ich kannte sie. Jede Kurve, jede Delle. Kam plötzlich ein kaputtes Stück dazu, hatte ich gelernt, mich blitzschnell umzulehnen. Ich wusste, wann ich mich festhalten muss.
Die zweite Achterbahn, die ist neu. Ich bin gerade erst eingestiegen.
Die Fahrt ist ruhig und die Gleise stabil, es gibt keine steilen Abfahrten, nur lange, sanfte Wellen. Aber ich kenne sie nicht. Alles ist neu. Ich weiß nicht, was nach der nächsten Kurve kommt.
Und hier liegt das Problem, sagt sie:
“Dein Nervensystem verwechselt Vertrautheit mit Sicherheit und Neuheit mit Gefahr.”
Spoiler-Alarm: Ich bin nicht zurück zu meinem Exmann, sondern in meiner neuen, sicheren Partnerschaft geblieben. Zum Glück.
Mit der Zeit haben mein Nervensystem und ich gelernt, wie sich echte Sicherheit anfühlt. Der Weg dahin war nicht leicht. Die erste sichere Partnerschaft nach einer toxischen Beziehung kann verwirrend sein, denn es prasseln erstmal viele unbekannte Empfindungen auf einen ein. Manche schön, manche maximal aufwühlend.
Häufig geraten wir (wieder) in toxische Beziehungen, weil wir durch sie bekannte Bindungsmuster leben, die wir in unserer Kindheit erlernt haben. Diese basieren auf Überlebensstrategien, die uns damals Sicherheit gegeben haben — aber im Erwachsenenleben eher gegen uns arbeiten.
Solche alten Bindungsmuster und Überlebensstrategien loszuwerden, ist mit anstrengender Selbstentwicklung verbunden, und wir brauchen viele positive Sicherheits- und Bindungserfahrungen, um die schlechten auszugleichen.
Aber die Arbeit lohnt sich. Versprochen.
Noch heute denke ich regelmäßig an die Achterbahn-Metapher meiner Therapeutin. Sie hat mir damals geholfen zu verstehen, warum mein Körper und mein Kopf komplett unterschiedlicher Meinung waren und hat mir gezeigt, dass ich (zum Glück) doch nicht komplett verrückt bin.
Auf einfache und eingängige Weise erklärt sie außerdem, was Bindungsforschung und Neurobiologie schon lange wissen:
Manchmal empfindet der Körper genau das als sicher, was uns geschadet hat.
Was sagst du zur Achterbahn-Metapher? Hast du das schon mal erlebt — dass sich das Falsche sicher angefühlt hat, und das Richtige nicht? (Das muss nicht nur in Beziehungen sein — die Achterbahn kann sich auch auf andere Lebenssituationen beziehen.)
Schreib gerne in den Kommentaren, oder wenn es dir lieber ist, auch per Nachricht.💖






Oh wow. So schön geschrieben . Und genau das erlebe ich gerade in meiner neuen Beziehung. Und mein Kopf will die ganze Zeit diese Beziehung sabotieren, weil ich denke es fehlt was. Dabei fühle ich mich so gut wie lange nicht! Es ist verrückt, dass wir nichtmehr wissen wie sich echte Liebe anfühlen kann.
♥️
Das vertraute Chaos einer Beziehung kann berauschend sein. Verschwindet es, wirkt die Ruhe plötzlich leer - nicht weil sie es ist, sondern weil unser Nervensystem den Lärm mit Lebendigkeit verwechselt hat.